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  04.12.2001

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Zwei Akkorde pro Stunde
Konzert in Berlin: 11.8.1999, 22 Uhr, Pfefferberg
Sie machen alles anders: Godspeed You Black Emperor aus Kanada
Hier die vollständige Fassung des Interviews aus Zitty Heft 16/99

In den USA wurden sie wie Scheiße behandelt,
jetzt kommen sie halt nach Europa ...

Rockstücke dauern wieder 20 Minuten, Streicher erleben auf der Bühne Konjunktur und Sampler bleiben manchmal draußen. Godspeed You Black Emperor, das mysteriöse Tentett aus Montreal(Filmvorführer inklusive) bewiesen mit dem Album f#a#oo (schreibt sich wirklich so! und spricht sich...?) und der neuen EP Slow Riot for Zero Canada, daß die neue Symphonik alles andere als von gestern klingen kann. Kurz vor ihrem letztjährigen Konzert in der Maria überwanden sie sogar mal ihre Zweifelgegenüber Interviewern. Rede und Antwort gab Gitarrist Efrim.
Kaum jemand hier weiß etwas über Euch, deswegen: Wie seid Ihr zusammengekommen?
Wir begannen vor ungefähr 1994 zu dritt, mit zwei Gitarren und einem Baß. Langsam kamen weitere dazu, eine Weile waren wir 15 Leute, das reduzierte sich dann wieder auf neun und blieb dann so.

Und wie war die musikalische Entwicklung?
Jemand hat uns einen Gig angeboten, also formierten wir zu dritt eine Band und entschieden gemeinsam, daß jeder von uns eine halbe Stunde lang nur einen Akkord spielen sollte. Das haben wir gemacht, und ungefähr drei oder vier Leuten hat es gefallen, und so dachten wir, wir sollten vielleicht so weitermachen. Also traten wir etwa ein Jahr lang zu dritt auf und spielten eine halbe Stunde lang einen Akkord. Später kamen andere Akkorde dazu und im gleichen Maße kamen andere Mitglieder dazu.

War das eine mathematische Notwendigkeit?
Nein, es lag eher daran, daß die neuen Mitglieder bessere Musiker waren als die ursprünglichen drei.

Unbedingt ein interessantes Konzept. War es eine Reaktion auf irgendetwas?
Es war eine Reaktion auf Bands, die normale Songs mit normalen Akkorden immer wieder übten und so lange spielten, bis keiner sie mehr hören konnte. Aber es war auch eine Reaktion auf den Umstand, daß alles was du als Band oder im privaten Leben treibst, zur Bewegung, zum Style ausgerufen wurde. Die Geschichte mit dem einen Akkord sollte das umgehen.

Hat das geklappt? Oder gab es nicht doch jemand in Montreal, dem das gefallen hat?
Wie ich sagte, es gab immer einige wenige... ...die sofort Mitglied der Band wurden. Ja, meistens. Mittlerweile sind es in Montreal ein paar hundert, die uns mögen.

Über Montreal wissen wir nicht allzuviel. Wie ist die strukturelle Beschaffenheit, welche Szenen gibt es, wie interagieren sie?
Es gibt, wie in jeder größeren Stadt eine ganze Menge Szenen. Es gibt eine starke Improvisations/Jazz-Szene. Wir selbst betreiben das sogenannte Hotel to Tango. Wir wohnen dort und machen Veranstaltungen, seit ungefähr drei Jahren, weil es wenige Plätze für Performances und Konzerte gibt. Ungefähr sechs oder sieben Bands und Projekte treten dort auf, mit einer recht großen stilisitischen Bandbreite, von Jazz bis Tanzmusik.

Es gibt also eine ganz gesunde Szene.
Ich weiß nicht wie’s woanders ist. Die einzige Szene, die wir wirklich kennen, ist die, die in unserem Laden stattfindet, eigentlich alles Freunde.

Meine Erfahrung ist, daß die Presse manchmal der Einfachheit halber alle möglichen Szenen einer Stadt zu einer einzigen subsummiert und damit erst Dinge in Bewegung setzt.
Ganz genau. Nur mit Montreal ist das noch nicht passiert.

Welche Sorte Tanzmusik passiert im Hotel to Tango?
Wir machen, oh, du meinst TANZmusik, nein wir machen eher Musik für Tanz, Tanzperformances. Was Clubmusik betrifft, ja, da gibt’s in Montreal schon eine Menge. Ninja Tune zum Beispiel haben ein Büro in Montreal und bewegen so einiges, aber ich weiß nicht viel darüber.

Ihr benutzt zwar Filmprojektionen und Tapes, aber kein digitales Gerät. Ist das eine Reaktion auf irgendwas? Nun, in erster Linie sind wir alles irgendwie Punkrock-Kids, wir benutzen die gleichen Werkzeuge, die wir benutzen, seit wir fünfzehn Jahre alt sind. Adrian, unser Drummer spielt in einer Band namens Exhaust und benutzt dort Samples. Und Roger, einer unserer Gitarristen spielt in einer anderen, wo einige Analogsynthesizer benutzt werden, aber im großen und ganzen sind wir eben stark im Punkrock, amerikanischem Hardcore verwurzelt. Wir respektieren Typen wie Autechre oder Aphex Twin, aber wir haben uns für eine andere Arbeitweise entschieden, mit Gitarren und dicken Verstärkern.

Was für Film wird während der Show gezeigt?
Zum Teil altes Material, aus einem unvollendeten Film, an dem einer von uns beteiligt war.

Eure Musik wird ihrerseits oft mit Filmmusik in Verbindung gebracht. Speziell mit Ennio Morricone. Bezieht ihr euch dabei auch auf eine Tradition?
Film war immer auch ein Element unserer Arbeit, seid wir angefangen haben. Eine Zeit lang haben wir mit zwei Leuten zusammengearbeitet, die ein ziemlich großes Archiv haben, und Material daraus mit zwei Projektoren über uns an die Wand warfen. Als die Zusammenarbeitendete, haben wir angefangen, eigenes Material zusammenzustellen. Zu der anderen Connection: Beinahe jede Instrumentalmusik, die einen recht unmittelbaren emotionalen Affekt ausübt, wird schnell als Soundtrack bezeichnet, ohne es notwendigerweise wirklich zu sein.

Was macht dieses speziell Soundtrackartige aus?
Repetitive Phrasen, der Umstand, daß es rein instrumentale Musik ist, daß jedes Stück eine eigeneStimmung hat. Die Abwesenheit von Solisten, das kollektive Interesse an einer Stimmung.

Genau. Ist Eure Musik ohne Bilder nur eine fragmentarische Version?
Ich denke nicht. Fragment von was? Das Stück, das auf Platte, ohne Bilder, erklingt, hat notwendigerweise einen anderen Effekt auf die Zuhörer, als die Live-Version mit Bildern. Der Unterschied zwischen Platte und Live-Show ist: Die Live-Show ist lauter. Das ist genauso ein Unterschied wie, daß auf der Bühne eine Menge unterernährter, schlecht gekleideter Typen aus Montreal zu sehen sind. Live spielen ist aber immer spannend, vor allem in den U.S.A., wo jeder ein ziemlich präzises Bild davon hatte, wie wir auszusehen hatten. Es macht immer Spaß, daß zu unterwandern.

Es macht aber auch Spaß, anhand der Musik den sozialen Entwurf dahinter zu erraten. Zum Beispiel den Umstand, daß in den ersten zehn Minuten kaum einer der neun Musiker zu hören ist. Außerdem war ich mir irgendwie todsicher, daß Godspeed eine gemischte Band ist.
Ja, es sind zwei Frauen in der Band.

Es ist ziemlich selten, daß es keine Bandphotos gibt. Jeder Promoter besteht doch darauf.
Nun, mittlerweile gibt es Bedarf dafür, aber wir sträuben uns noch etwas dagegen. Tatsächlich haben wir erst vor einem Monat einem Magazin aus Montreal unser erstes Interview gegeben. Und das nach schmerzhafter Entscheidungsfindung innerhalb der Band.

Gab es schlechte Erfahrungen?
Nicht wirklich. Aber in der Band besteht ein Konsens darüber, daß es in Amerika kein Forum gibt, in dem musikalische und soziale Belange angemessen diskutiert werden. Wie das in Europa aussieht, weiß ich nicht. Es gibt zwar Diskussionen über strukturelle Bedingungen des Musikmachens, speziell für "Gitarrenbands". Aber es gibt keine Interviews, die tatsächlich abseits des Promotion-Wertes für irgendeinen Beteiligten gewinnbringend sind.

Woher wißt ihr das, wenn ihr es nicht versucht?
Haben wir uns auch gedacht, weswegen wir in Montreal einen Versuch gestartet haben, weil wir dachten, wir könnten auf diese Weise mit der Stadt kommunizieren, in der wir leben...andere Bands damit ansprechen. Aber es lief furchtbar. Wir haben das Interview per Email gemacht und zwölf Stunden damit verbracht, die ganzen Fragen zu beantworten, haben es ganz schön ernst genommen. Aber die Autorin hat nur einige Teile benutzt, um das auszudrücken, worum es in unserer Musik ihrer Meinung nach geht...statt eigene Worte für ihre Erfahrung zu finden. Ich denke, so läuft das Geschäft, zumindest in USA. Mit Fanzines ist es etwas besser. Aber sonst ist Amerika in dieser Beziehung kulturelles Ödland, mit Musik wird gedealt wie mit Kokain. Und wir wollen da nicht mitmachen.

Aber ist es nicht unerläßlich für irgendeine Form von Aufmerksamkeit?
In unserer Stadt ist der Grad an Interesse für unsere Arbeit größer, gerade weil wir es nicht jedem erzählt haben. Das ist nicht der Grund, warum wir es getan hatte, aber es hatte nun einmal diesen Effekt. In der eigenen Stadt läuft ja auch mehr über direkte Kommunikation. Aber darüber hinaus ist ein kurzlebige Stadt , in der Leute auch mal nur für ein Jahr leben und dann wieder abhauen. Und wir spielten immer nur für Freunde und deren Freunde. Zwei Jahre lang, und im letzten Jahr kamen dann Leute, die wir nicht kannten. Und ohne prätentiös zu werden: auf diese Weise haben wir nur musikalisch miteinander kommuniziert. Was großartig war. Aber außerhalb davon haben die Leute sehr wenig Ahnung, wer wir sind und was wir tun. Es ist wie sich auf einer Party zu verlieben, und sobald die betreffende Person den Mund aufmacht ist es vorbei. Also ist es besser, ruhig zu sein und nicht in anderer Leute musikalische Prozesse einzugreifen.

Ein schwerer Stand, wenn man von der Musik leben will.
Das ist richtig, aber innerhalb der Band herrscht Einigkeit darüber, diesen Weg zu gehen. Unabhängig davon, was jeder außerhalb der Band für Aktivitäten verfolgt.

Wie kam es denn trotzdem zu dem Schritt, außerhalb Montreals, auch in Europa zu touren.
Der Kontakt nach Europa kam über den britischen Vertrieb zustande. Und in Kanada hatten wir Glück mit einem bestimmten Zuschußsystem, von dem normalerweise nur die furchtbarsten Bands, die du dir vorstellen kannst oder Millionäre profitieren, Brian Adams zum Beispiel. Wir haben es für eine US-Tour beantragt, einfach mal, um es zu versuchen. Wir hätten die Tour sowieso gemacht, wir haben schon ohne Geld in den USA getourt. Aus irgendeinem Grunde haben wir den Zuschlag bekommen, sind getourt, und von dem was übrig blieb, machen wir Shows wie diese hier...und werden zurückkehren mit dem, womit wir aufgebrochen sind: unseren Instrumenten.

Tourst du gerne?
In Europa, ja. Amerika ist schrecklich, ich weiß nicht, ob wir das noch mal machen werden. Aber hier... anstrengend mit zehn Leuten, aber okay. Verglichen mit Montreal ist es warm hier, trotz Winter. Mir gefällt’s, einigen aus der Band nicht ganz so. Ich mach mir etwas weniger Sorgen um alles.

Wie seid ihr organisiert? Eine Band auf Tour ist ja ein Sack Flöhe.
In Europa haben wir ja einen Tourmanager. In Amerika, wo wir auf uns selbst aufpassen mußten, gingen nach der Show regelmäßig zwei von uns verloren. Etwas chaotisch.

Und am Ende des Tages ist’s Musik.
Klar, eigentlich ganz einfach. Manchmal aber eben einfach furchtbar. In Amerika hatten wir unausgesetzt das Gefühl, daß weder Musik, noch irgendetwas das wir tun irgendeinen Wert hat.

Was gefällt Dir nicht an den USA. Paranoia!
In den Clubs behandeln sie dich wie Scheiße, die Leute dort sind Aliens, völlig entfremdet...sie sehen aus wie du und ich, aber sobald du näher mit ihnen zu tun hast, ist nichts davon übrig, nichts dahinter. Es ist einem so fern, a fucked up place, very very fucked up...the devil’s nightmare.
Interview: Tobi Honest/Eric Mandel

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